Stolperstein der SVM-Historie

Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Und Gelegenheit genug, um die unerzählte Geschichte dreier Meppener Freunde aufzubereiten.

Ein Blick ins Archiv: Die Arme verschränkt schaut Hans Cohen skeptisch in die Kamera. Gut sehen sie heute aus, die jungen Männer, die vor wenigen Wochen erst den FC Amisia Meppen gegründet haben. Längsgestreifte, blaubalkige Hemden mit weißen Hosen. Hinter Cohen steht der hochgewachsene August Krapp, Inhaber der Börsenhalle auf dem Meppener Marktplatz und der erste Vorsitzende der Amisia. Gegen alle Widerstände der Kirche und der katholischen Bevölkerung hatten sich die Jungs zusammengetan, um fortan Fußball, dieses absonderliche Spiel aus England, zu spielen.

In den Anfangsjahren war es für die Meppener Jungs, die auf der Schülerweise ihre Partien austrugen, sogar schwierig überhaupt einen Gegner zu finden. Und Fußballfans? Die gab es noch nicht – echte Pionierarbeit eben.

Hans Cohen war einer von ihnen. Er kniet auf dem ersten Foto des neugegründeten Vereins im Meppener Rasen. So sieht man nicht, dass er zu den Kleinsten zählt. Kleiner noch als viele der Schüler, die sich ebenfalls angeschlossen haben und vor ihm hocken. Immerhin: von der katholischen Kirche hatte Cohen, anders als seine Teamkameraden, keinen Ärger zu erwarten. Er ging in die Synagoge am Nagelshof, dort wo ringsum die Landwirte den überschüssigen Dünger aufbewahrten. Cohen war Jude. Der erste jüdische Fußballspieler in Meppen.

Beliebt in der Stadt

Und er sollte nicht der Einzige bleiben. Zwölf Jahre später, der 1. Weltkrieg ist vorbei, der die Ausübung des Sports unmöglich machte, stellen sich auch Hans‘ Bruder Fritz (Foto, 3.v.l.) und Kurt Visser (1.v.l.) auf das Mannschaftsfoto des Vereins, der sich mittlerweile SV Meppen 1912 nennt. Fritz ist ähnlich gebaut wie sein Bruder Hans, trägt nur Haupthaar. Selbstbewusst und breitschultrig steht hingegen Kurt Visser auf dem Foto. Er ist der Sohn des wohlhabendsten Meppener Juden Isaak Visser, ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Der Isaak-Visser-Weg läuft noch heute entlang der Meppener Bahnschienen und der Deutschen Post.

Sein Sohn, Kurt, spielt Fußball beim SVM und Tennis. Er ist beliebt in der Stadt. Im Juli 1932 verstirbt der Vater, ein Jahr später sind Kurt, der die Geschäfte weiterführt, und seine Mutter vom Boykott der Nationalsozialisten betroffen.

Zur gleichen Zeit ist für Kurt und die Gebrüder Cohen auch an Fußball nicht mehr zu denken. Das NS-Regime drückt dem SV Meppen neue Statuten auf. Fortan dürfen keine Personen spielen oder Vereinsmitglied sein, „die nicht deutschen oder artverwandten Blutes oder solchen gleichgestellt sind“.

Die Synagoge brennt

Deutschland zeigt sein widerwärtigstes Gesicht. Auch der SV Meppen spielt zu dieser Zeit nicht mehr in blau-weiß-gestreiften Trikots, sondern in weißen Hemden mit rotem Streifen und dem schwarzen Hakenkreuz auf der Brust. In ihren Reihen stehen bei Fototerminen nicht mehr die jüdischen Freunde, sondern Josef Egert. SVM-Mitglied, vorbestraft und neuer NSDAP-Kreisleiter. Egert und Konsortien sorgen am 9. November 1938 dafür, dass die Meppener Synagoge brennt.

Kurt Visser hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst abgesetzt. Mithilfe eines nichtjüdischen Freundes watete er in Nacht und Nebel mutig durchs Moor, rüber zur niederländischen Grenze. Von dort aus reiste Visser nach Palästina und verstarb erst 1975. Seine Schwester Amalie bleibt hingegen in Deutschland, wird 1941 deportiert und zwei Jahre später im Konzentrationslager Stutthof ermordet. Ein Stolperstein nahe der Deutschen Post erinnert bis heute an sie.

Fritz Cohens Schicksal ist nicht bekannt. Der Name seines Bruders Hans, Gründungsmitglied des SV Meppen, taucht zumindest in zwei Dokumenten auf: Im Ortsfamilienbuch Coesfeld wird ein Hans Cohen, geboren um 1900 in Meppen, vermerkt, der zusammen mit einer Florentina Hertz und ihren Eltern nach Südafrika emigriert. Einem Hans Israel Cohen aus Meppen wird in der 147. Liste des NS-Regimes die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.

Mosaikstein der SVM-Geschichte

An Kurt Visser, Fritz und Hans Cohen erinnert in Meppen nichts mehr. Doch sie gehören zur Geschichte des SV Meppen so wie Diego Maradona, Josef Menke und der Aufstieg in die 3. Liga. Zeit, dass wir uns an sie erinnern.

Anm. d. Red.: Wir haben uns sehr bemüht, die Schicksale der drei Meppener Freunde tatsachengetreu aufzuschreiben. Sollten Unstimmigkeiten auffallen oder einem Leser mehr bekannt sein, freuen wir uns sehr über Nachricht.

T.A.
Foto: Archiv

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