„Ich war immer mit dem Herzen dabei“

Als der SV Meppen durch ein tiefes Tal ging, hielt einer dem Verein stets die Treue: Endre Varga war zur Oberligazeit der Publikumsliebling schlechthin. Wir haben knapp zehn Jahre nach seinem Abschied ausführlich mit ihm gesprochen.

Endre Varga, wir erreichen Sie im entfernten Budapest. Wie geht es Ihnen?
Gut geht es mir. Aber bitte, nennt mich einfach Endre, das passt doch einfach besser. Mal ernsthaft, wie geht es euch? Wie fühlt ihr euch als Drittligist?

Die Nachricht, dass der SV Meppen aufgestiegen ist, hat dich also schon erreicht?
Natürlich! Ich verfolge den SV Meppen immer. Und zweimal im Jahr bin ich im Emsland, besuche Freunde, kümmere mich um einige Geschäfte. Da versuche ich immer die Spiele zu besuchen. Jetzt, beim Freundschaftsspiel gegen Werder, habe ich es nicht geschafft. Aber ich hätte die Mannschaft gerne gesehen, sie muss wahnsinnig stark sein. Mich freut das sehr!

Du bist dem Emsland also noch immer verbunden. Wie hat es dich 2004 überhaupt hierhergeführt?
Ich habe damals bei Concordia Ihrhove gespielt und zusammen mit Mario Rodriguez die Mannschaft angeführt. Georg Belke, der zu dieser Zeit Trainer in Meppen war, wollte uns schon im Winter holen, aber das klappte nicht. Im Sommer war ich dann in Gesprächen mit Schalke 04, die mich für die zweite Mannschaft engagieren wollten, aber sehr wenig Geld boten. Und plötzlich rief Georg Belke wieder an.

Und du bist sofort nach Meppen gefahren?
Ich kannte schon Mahmut Aktas, der mir vorschwärmte, dass wir dieser Mannschaft Meister werden könnten. Er hat gesagt: „Komm zum SV Meppen, Endre, dann wird alles gut“.

Und du hast ihm geglaubt?
(lacht) Kann man so sagen. Wir hatten im ersten Jahr eine bombastische Truppe beisammen und wären tatsächlich fast aufgestiegen. Zur Saisonmitte haben wir aber die entscheidenden Spiele verloren. Ich erinnere mich noch daran, dass zu jedem Spiel 6.000 Zuschauer kamen. Gegen Osnabrück und Nordhorn waren es sogar 10.000. Und da wurde ich wirklich zum Meppener.

Du bist insgesamt vier Jahre geblieben und ein echter Publikumsliebling geworden. Warum?
Nach der guten ersten Saison sind wir abgestürzt, haben gegen den Abstieg gespielt. Das war seltsam. Trotzdem habe ich mich voll mit dem Verein identifiziert und habe genau in dieser Zeit ein ganz besonderes Verhältnis zu den Fans aufgebaut. Ich weiß nicht, warum mich die Fans so mochten, aber ich erinnere mich ganz genau an die »Endre, Endre«-Rufe im Stadion. Die haben mich wirklich geliebt, unglaublich. Das war immer sehr emotional für mich. Aber ich war halt auch immer mit dem Herzen dabei.

Gibt es Szenen, die du besonders in Erinnerung hast?
Ja natürlich. Vor allem das letzte Heimspiel 2008 gegen Eintracht Nordhorn, als mich die Kollegen auf den Händen getragen haben. Das war ganz besonders. Ich glaube, viele Fans dachten, dass ich sowieso noch ein Jahr dranhängen würde. Der Abschied war für mich sehr traurig.

Eine Woche später, in Kiel, stieg der SV Meppen ab. Ausgerechnet dein ehemaliger Teamkollege und Ur-Meppener Michael Holt schoss den entscheidenden Freistoß.
Hubert Hüring, unser Trainer, hat mal zu mir gesagt: „Endre, nachts wache ich auf, und denke daran, was wohl passiert wäre, wenn ich dich nicht ausgewechselt hätte.“ Wir wären vielleicht nicht abgestiegen.

Wie bitte?
Ist natürlich alles nur hypothetisch. Aber Augenblicke vor dem Gegentor hat mich Hubert ausgewechselt, ich hatte mich an der Achillessehne verletzt. Und als ich mich an der Seitenlinie umdrehe, läuft der Angriff schon über die Seite, die ich vorher beschützt hatte. Jemand foult. Michael tritt zum Freistoß an – und trifft.

Die wohl dunkelste Stunde in der Vereinsgeschichte des SVM. Viele verbinden diese Zeit mit Präsident Reinhard Meiners. Wie hast du ihn erlebt?
Herr Meiners war zu allen korrekt, der hat alles in Bewegung gesetzt. Da muss ich eine Lanze brechen. Natürlich, er war kein Fußballfachmann, das wussten wir alle. Aber er hat den SV Meppen gerettet. Als der Verein 2006 vor der Insolvenz stand, kam Herr Meiners zu uns in die Kabine und bat uns, dass wir durchhalten. Er würde sich für unser Gehalt einsetzen, aber wir müssten in Vorleistung treten. Ich behaupte, ohne Reinhard Meiners und uns würde der SV Meppen in dieser Form nicht existieren.

Einer, der immer noch da ist, ist Alo Weusthof. Er trainiert mittlerweile die U19 im Jugendleistungszentrum. Welche Erinnerungen hast du an ihn?
Er ist ein Schleifer, keine Frage. Unter keinem anderen Trainer wurde ich im Training so oft kritisiert, wie unter ihm. Wir hatten ein gutes Verhältnis, ich glaube, er wollte mich einfach immer pushen. Am Spieltag stand mein Name dann meistens doch an der Wand (lacht).

Meistens?
Ja, es gab diesen Sommer 2007, als der SV Meppen viele neue Spieler geholt hatte. Unter anderem auch Zoran Milosevic, der uns nach nur einem halben Jahr wieder verließ, und ich saß plötzlich auf der Bank. Das tat weh.

Wie hast du dich aus dieser Situation befreit?
Es war ein Spiel gegen den TuS Heeslingen. Ich wurde in der 60. Minute beim Stand von 1:1 eingewechselt und mit der ersten Ballberührung lege ich den Ball für Max Cream auf – der Junge macht sofort die Bude. Und wenige Minuten später schieße ich selbst das 3:1. Ich weiß noch genau, wie in diesem Moment die „Endre, Endre“-Rufe zurückkehrten. Ich habe danach eine Ehrenrunde gedreht – das Spiel lief einfach weiter, bekloppt. Und der Abend danach … unglaublich… (lacht).

(Anmerkung der Redaktion: Ein Spieler des aktuellen Kaders könnte sich an dieses Spiel auch noch erinnern. Siehe Foto.)

(Foto: Screenshot transfermarkt.de)

 

Was geschah an dem Abend?
Ach, gibt es noch Tequila-Dieter? Der kleine Laden hinter dem Eiscafé Venezia? Ich sage nur so viel: Dieter musste irgendwann in der Nacht neue Tequilafässer organisieren.

Trotzdem bist du 2008 gegangen.
Meine Frau wollte unbedingt zurück. Sie hatte in der Zwischenzeit studiert und wollte in unserer Heimat in Ungarn arbeiten. Es war ein schwerer Entschluss für mich. Reinhard Meiners wollte mich immer wieder zum Bleiben bewegen, bot mir einen Dreijahresvertrag und die Aussicht, anschließend als Trainer in Meppen zu beginnen. Ich bin zurück nach Budapest, aber sage immer: Wenn ich hier leben könnte, dann würde ich sofort zurück nach Meppen ziehen, meine zweite Heimat. Fast wäre es so gekommen.

Warum?
Johan Lünemann, der mit Meppen 2011 aufgestiegen ist, rief mich an als er das Traineramt übernahm. Er kannte mich noch aus unserer gemeinsamen Zeit in Ihrhove und sagte: „Endre, komm rüber, ich brauche dich hier.“ – Es hat viel Überwindung gekostet, die Koffer stehen zu lassen.

Du bist in Ungarn geblieben. Wie ist es dir dort ergangen?
Es geht mir wirklich gut. Ich arbeite für einen Sportartikelhersteller und zusammen mit einem belgischen Freund als Berater. Der Vater meines Freundes, Gabor Bekeffy, war u.a. der Berater von Johan Cruyff. Wir vertreten jetzt zum Beispiel den neuen ungarischen Nationaltrainer Georges Leekens. Ab und an besuche ich Meppen und meine Freunde im Emsland, deshalb freue ich mich immer, wenn ich den SV Meppen sehen kann. Im nächsten Jahr soll es wieder soweit sein.

 

T.A. 
(Foto: privat)

Das könnte dir auch gefallen

Kommentar verfassen