Expected besser

Warum der SV Meppen besser als 2017 ist— und auf einem Abstiegsplatz steht

Ein Gastbeitrag von Daniel Pleus

“Das zweite Jahr ist immer das Schwerste”. “Die Euphorie ist verflogen”. “Benny Girth hätte nie verkauft werden dürfen”?. —?Mögliche Erklärungen für das Abrutschen auf den 17. Platz gab es im Emsland nach dem emotionslosen 1:3 gegen Hansa Rostock viele. Aber wo genau liegt der Grund für die schwache Punkteausbeute in dieser Saison?

Die Aufstiegssaison 2017

Nach der Rückkehr in den Profifußball erlebte Meppen die erste Drittligasaison wie im Rausch. Mit 58 Punkten belegte man in der Abschlusstabelle als bester Aufsteiger den 7. Platz. Vergleicht man Punkte, Tore und Gegentore pro Spiel mit dieser Saison, ergibt sich ein eindeutiges Bild?—?2017/18 war eine starke Saison für den SV Meppen. Danach folgte ein sehr schwacher Start ins neue Jahr. Aber war das wirklich so?

Abb 1: Statistiken pro Spiel

 

Expected Goals (xG)

Die Expected Goals (xG) bieten eine alternative Metrik an. Expected Goals, was auf deutsch etwa »zu erwartende Tore« bedeutet, ist eine relativ neue Kennzahl im Fußball und misst die Qualität von Torchancen. Dabei wird bestimmt, aus welcher Position ein Schuss abgegeben wurde und wie wahrscheinlich ein Treffer aus dieser Position generell ist. Weil der Fußball seit Jahrzehnten gespielt wird, ist klar, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Schuss vom rechten Strafraumeck ins Tor fällt. Beim Elfmeter liegt diese Wahrscheinlichkeit übrigens bei 75 Prozent. Auf diese Weise werden das Glück und die Fähigkeit des Schützen ausgeklammert, um allein die Qualität von herausgespielten Torchancen messen zu können.

Beispiel: Ein Spieler schießt von der 16er-Ecke auf das Tor. Die generelle Wahrscheinlichkeit, dass ein Schuss von dort ins Tor geht ist 10 %. So wird 0,1 zu den xG addiert. Die xG zeigen somit, wie viele Chancen in welcher Qualität ein Team hatte.

Für den SV Meppen ergeben sich für die vergangene und laufende Saison folgende Werte:

Abb. 2: Tore vs. Expected Goals pro Spiel

Kurzum: In der vergangenen Saison hätte der SV Meppen aufgrund seiner Chancen 1,2 Tore pro Spiel erzielen müssen, hat aber sogar 1,3 Tore erzielt. In dieser Saison hätte der SVM sogar 1,5 Tore erzielen sollen – hat aber nur 0,8 Tore pro Spiel geschossen. Die xG pro Spiel haben in dieser Saison also sogar noch zugelegt. Aber nur 55% der erwarteten Treffer wurden in auch Tore umgewandelt?—?nur halb so viele wie in der letzen Saison, als der Wert bei 110% lag.

Eine Analyse von thestatsbehind der Saison 2017/18 legt nahe, dass der SV Meppen wohl etwas besser abschnitt, als eigentlich verdient gewesen wäre.


Abb. 3: Theoretische Punkteausbeute nach xG

Wenn die einzelnen Spiele betrachtet werden, wird klar, dass in dieser Saison schon viel mehr drin gewesen wäre. Mit acht Punkten, die auf der Expected-Goals-Methode basieren, stünde der SVM zurzeit im Tabellenmittelfeld.

Aber wieso gelingt es dem SV Meppen nicht mehr so viele Tore zuerzielen, wenn doch die Chancen vorhanden sind?

Durch wen entstehen Chancen?

Abb. 4: Expected Goals pro Spieler (Vorjahr/aktuelle Saison)

Auffällig ist, dass die Expected Goals sehr ähnlich zum Vorjahr verteilt sind. Max Wegner und Denis Undav haben fast die gleichen xG-Werte wie der abgewanderte Torjäger Benjamin Girth. Die beiden haben es also bisher durchaus geschafft, sich als Zielspieler Chancen herauszuarbeiten. Am Ende fehlte eben etwas Glück, etwas Vermögen – das Benni Girth in der vergangenen Saison noch hatte. Möglich, dass das auch eine Qualität ist, aber die These, dass „die Stürmer in der Luft hängen“, hält sich nicht.

Haben wir also kein Sturm- sondern vielmehr ein Chancenproblem?

Wer trifft denn überhaupt noch?

Abb. 5: Tore und Expected Goals im Vergleich (Vorjahr und aktuelle Saison)

Es fällt auf, wenn der Wert der „geschossenen Tore“ betrachtet wird, dass nahezu alle Spieler seltener treffen. Beachtet werden muss, dass Tankulic und Thilo Leugers jeweils einen Elfmeter vergaben. Zwei, nach der „Expected-Goals“-Rechnung, sichere Tore. Aber eins steht fest: Statt wie im vergangenen Jahr sogar häufiger als erwartet zu netzen, liegen fast alle Spieler hinter den erwarteten Werten. Auf Wegner und Undav trifft das besonders zu.

Sind beide also im Gegensatz zu Benny Girth einfach zu schwach?

Nicht unbedingt. Schaut man sich Girths Leistungsdaten an, fällt auf, dass seine erwarteten und tatsächlichen Tore in der letzten Saison ungefähr übereinstimmen.

Das ist ein guter Wert, aber nicht außergewöhnlich. Es zeigt vor allem, wie das Spielsystem auf ihn zugeschnitten war und dass die Mannschaft ihm viele Chancen ermöglichte. Die Daten zu Undav zeigen, dass er in der Regionalliga seine xG auch verwerten konnte. Die Chancen, die er in dieser Saison hatte, hat er vor einem Jahr noch umgemünzt. Er hat tatsächlich wohl die berühmte „Scheiße am Schuh“, ein bisschen Pech. Zu Max Wegner existieren aufgrund der fehlenden Spielzeit leider kaum Daten.

Abb.6: Leistung der drei Stürmer mit Vorjahresvergleich

Abhängigkeit vom Stoßstürmer

Gute Nachricht: Das Spielsystem scheint stabil und auch die Stürmer kommen zu Chancen. Bisher hat der SVM auch viel Pech und ein paar Punkte mehr wären verdient. Fundamentalkritik an der Mannschaft oder Christian Neidhardt ist also eher nicht angebracht.

Schlechte Nachricht: Neben den beiden Stürmern haben sich nur Granatkowski und Tankulic nennenswerte Chancen herausgespielt. Granatkowski hat schon zwei Treffer erzielt, Tankulic blieb im Vergleich zur Vorsaison blass und verletzte sich zuletzt. Außerdem: Marius Kleinsorge, der im letzten Jahr viele überraschende Treffer erzielte, kam vor dem Tor bisher kaum zum Zug. Neuzugang Mirco Born hat nach sechs Spieltagen noch keine Chance herausgespielt, aus der ein Tor hätte resultieren müssen. Im Zentrum geht weder von Kapitän Martin Wagner noch von den zentralen Mittelfeldspielern nennenswerte Gefahr aus.

Das Spielsystem ist deshalb sehr riskant. Bei einer Schwächephase der Stoßstürmer bricht die Torgefahr ein?—?hier sollte das Trainerteam dafür sorgen, dass andere Spieler mehr Torgefahr entwickeln. Standards, Abschlüsse aus der zweiten Reihe oder mehr Kombinationen könnten erste Mittel sein.

Quelle: wyscout

Foto: Lars Schröer – Studio205
1 Comment
  1. André Schröder says

    Sehr guter Beitrag! Stark beschrieben.

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