Das Sammeln von Momenten

War es Begabung? Intuition? Das Ergebnis vom monatelangen Üben oder einfach nur Glück? Irgendwas muss geschehen sein, als Marius Kleinsorge aus 16 Metern schoss und der Ball auf Benjamin Girth zuraste. Irgendwas muss geklickt haben. Mit dem Rücken zum Tor stehend, handelte er augenblicklich, gab er mit der Innenseite dem Ball die entscheidende Wendung. Ein Trick. Ein perfekter Moment. Der Ball zappelte – unerwartet in der linken Ecke – im Netz.

Was das Derby für den SV Meppen und seine Fans bedeuten kann, haben wir im Vorfeld versucht aufzudröseln. Ja, es ging um eine Art Vormachtstellung, die sich aber nicht recht greifen, schon gar nicht an Zahlen messen lässt. Vielleicht nur so viel: 3:2 Tore, 4 Punkte. Und trotzdem, ganz objektiv betrachtet, war es gestern Abend genau ein Zähler. Der SV Meppen, gefangen im Tabellenmittelfeld der 3. Liga. Das ist großartig. Da wird nicht mehr viel passieren.

Wofür also noch spielen?

Zugegeben, nach zehn Minuten geisterte im Block der Gedanke um, die Mannschaft möge heute doch bitte anfangen wenigstens mitzuspielen, nur um einer Lehrstunde gegen den lila-weißen Rivalen zu entgehen. 5:0 Ecken nach nur elfeinhalb Minuten – eine davon gefährlicher als die andere. Der Eindruck, dass der SVM anfangs eingeschnürt wurde, entstand ganz sicher nicht allein durch die enge Atmosphäre an der Bremer Brücke. (Abgesehen von aller Rivalität. Was für ein wundervolles Stadion. Schade, dass ausgerechnet dieser Verein darin spielt.)

Alles still für einen Augenblick

Aber Meppen berappelte sich. Angeführt von einer sicheren Defensive, einem Thilo Leugers, der die Mannschaft mal wieder führte und einem immer wieder aufdrehenden Marius Kleinsorge kehrte der SVM zurück ins Spiel. Und so kam es, wie es kommen musste – und trotzdem überraschend war.

Schuss von Kleinsorge aus der zweiten Reihe. Ein Geniestreich von Benni Girth und für einen kurzen Augenblick stand alles still.

Denn als der Ball die Torlinie überquerte, hatte sich Benni Girth bereits umgedreht. Was dann folgte, war die Antwort auf die simple Frage, warum wir zum Fußball gehen. Er sah, dass es funktionierte, dass der Ball im Tor war und seine Augen begannen zu leuchten. Ganz sicher, er schaute erst auf den Ball, dann in die Kurve und während er zum Jubellauf ansetzte, bereitete er seine Arme aus als wolle er die Welt, wenigstens aber das Emsland, umarmen und blickte mit den funkelnden Augen jeden einzelnen Fan an. Ein Bild, das im Gedächtnis bleibt.

Eine Masse

Denn im Leben kann man vieles sammeln: Briefmarken, Euro-Münzen, Liebschaften. Aber das Wichtigste ist, Momente zu sammeln. Und in diesem Moment lag alles, was wir am Fußball und am SV Meppen lieben.

Klar, dieses Tor war sicherlich ein schönes. Doch wäre es im Training gefallen, jeder hätte es in der nächsten Woche vergessen. Hier aber entstand ein Moment. Weil die Zuschauer diesem Spiel Bedeutung schenken. Also schwappte der Auswärtsblock zwei Stufen nach unten, hin zu den Spielern, hin zu Benni Girth. Und auch wenn ein Zaun dazwischenlag, wurden diese zwei Massen in dieser Sekunde eins. Ein Verein.

Sicherlich verdiente sich der VfL Osnabrück in der Folge, besonders in der zweiten Halbzeit, das Unentschieden. Der SVM war etwas passiv, gab sich aber auch nach dem Rückstand nicht geschlagen. Dass Marcel Gebers angerauscht kam, um qua Willen den Ausgleich zu erzielen, passte zu diesem Derby, das ja sowieso Werbung für den Fußball, die Region und quasi alles war. Wie sich beide Mannschaften von Sechzehner zu Sechzehner verfolgten und keine Ruhe gönnten. Ständige Eins-gegen-Eins-Situationen und viel Emotion von den Rängen. Tore. Mehr ist von diesem Derby nicht zu erwarten, ja, es war nahezu perfekt.

Geniestreich und Bandscheibe

Vielleicht ist es auch genau deshalb egal, ob ein Einzelner gestern Abend einen Fehler gemacht hat. Oder sich die Mannschaft nach der Pause etwas zu abwartend verhaltend hat.

Denn der gestrige Abend lieferte die Antwort darauf, warum sich eigentlich tausende Menschen vor einem Jahr darüber freuten, dass der SV Meppen wieder in der 3. Liga spielt. Nicht unbedingt, weil bestimmte Siege gegen bestimmte Vereine gefeiert in Aussicht waren. Oder weil es das Ziel eines Vereins sein muss, die Saison mindestens als Tabellensiebter der dritten Liga abzuschließen. Nein.

Es ist die Aussicht auf diese Augenblicke. Wenn ein Geniestreich funktioniert, Augen vor Freude zu glitzern beginnen und dir im nächsten Atemzug der Hintermann in die Bandscheiben springt. Und deshalb wird sich in einigen Jahren vielleicht niemand mehr ganz genau an Spielverläufe, Statistiken und taktische Feinheiten erinnern. Wohl aber an Momente.

 

T.A.
Foto: Lars Schröer / studio205.de

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