Blue-White Wonderwall

Was bedeutet eigentlich Heimat? Ist das der Moment, wenn es im ganzen Haus nach Eintopf und Mettwurst riecht, während du selbst deine Füße in Pantoffeln hüllst, im Sessel sitzt und auf den Hof draußen blickst? Oder ist es das vertraute warme Bett? Reicht es, wenn dir die Wohnung gehört, egal wer noch darin lebt oder gelebt hat? Ist Heimat das, was du erlebst, wenn du zur Tür reinkommst und deine Lieben dich anstrahlen?

»Noch’n Bier?«

Der Duden, und der sollte es eigentlich wissen, meint: »Heimat, die. Substantiv, feminin. Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend).“ Nun ja.

So wirklich erklärt es nicht, warum wir uns am 28. Mai in Mannheim wie zuhause gefühlt hatten. Was war das für eine Atmosphäre! 2.000 Emsländer, mindestens, hatten sich auf den Weg gemacht. Waren in Bussen, Zügen und Autos angereist und hätten, wenn nötig, die Strecke auch zu Fuß zurückgelegt. Nur um den SV Meppen zu sehen. Und bei aller Anspannung, die seit dem Morgengrauen dieses flaues Gefühl im Magen hinterlassen hatte, begann spätestens auf dem Busparkplatz hinter dem Gästeblock ein emsländisches Volksfest. Manches »Hallo!«, einige »Du auch hier?!« und ein paar »Noch’n Bier?«, vor allem aber: viel Wahnsinn. Viel Heimat.

Der Rest ist sowieso Geschichte.

Heute Morgen werden sich bis zu 4.000 Emsländer auf den Weg nach Lotte machen. Sie kommen, natürlich, aus Meppen. Aber auch aus Lingen, Papenburg, aus Klein- und Groß-Berßen. Einige Versprengte werden aus Köln, Braunschweig oder Berlin anreisen. Kurzum: heute Nachmittag steigt das größte emsländische Volksfest seit, nun ja, seit einer halben Ewigkeit.

Rekorde sind nicht wichtig 

Genau 3.421 Tickets hat der Verein im Vorfeld verkauft. Wie viele Anhänger sich die Karten über andere Wege besorgt haben oder sich heute noch organisieren werden, ist nicht bekannt. Unter der Woche musste der Verein 2.000 Euro für Becherwürfe zahlen. Drei insgesamt, und jeder einzelne ärgerlich und unnötig teuer. Und trotzdem hat der SV Meppen in der gesamten Republik fast ausschließlich für positive Schlagzeilen gesorgt. Mit gutem Fußball, mit Emotionen, mit einem einzigartigen Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans.

So oder so wird die Völkerwanderung einige Rekorde brechen. Es wird das Drittligaspiel mit den meisten Auswärtsfans in dieser Saison sein. Und auch das bestbesuchteste Spiel dieser Saison in Lotte. Aber irgendwie ist das gar nicht so wichtig.

Dreckiger als das Hurricane, lauter als am Ring

Denn heute Nachmittag wird das Emsland zusammenkommen. In einer kleinen Arena an einem Autobahnkreuz. Vorher werden die Zugabteile eng und stickig gewesen sein. Zigarettenrauch in der Luft und halbwarmes Bier in der Hand. Auf der Autobahnabfahrt wird sich ein unübersichtlicher Stau entwickelt haben. Warten ist angesagt. Und die Parkplatzsituation in Lotte wird manchen Fahrer in den Wahnsinn treiben.

Aber wen interessiert das schon.

Lotte, das ist eigentlich nicht die große Fußballbühne. Aber wir, die Schlachtenbummler aus dem Emsland, werden die Umgebung für einen halben Tag in ein Festivalgelände verwandeln. Dreckiger als das Hurricane, lauter als am Ring, familiärer als in Lingen. Ganz egal, was passiert. Denn mit uns reist unser Herzblut für die Farben Blau und Weiß. Das endorphingetränkte Gefühl einer Auswärtsfahrt mit der Gewissheit, dass Lotte für einen Tag Emsland bedeuten wird. Und auf dem Platz wird eine Mannschaft stehen, die sich für Meppen, für die Heimat, zerreißt.

Heute Nachmittag, das ist der vorläufige Höhepunkt eines Märchens, das gerade erst begonnen hat.

 

T.A.
Foto: Lars Schröer – Studio 205

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